Abstract

Ziel der Studie

Musikvermittlung ist mittlerweile ein fester Bestandteil des europäischen und internationalen Konzertlebens. Inszenierte Konzerte für Kinder, Workshopreihen mit Musikern oder Patenschaften mit Bildungseinrichtungen etablieren sich an Orchestern und Konzerthäusern und formulieren einen neuen Anspruch seitens der Kulturinstitutionen, Verantwortung für die musikalische Bildung von Kindern und Jugendlichen zu übernehmen. Die Stiftung Mozarteum Salzburg und die Robert Bosch Stiftung initiierten eine Studie, um die Qualität dieser Angebote an Orchestern und Konzerthäusern zu erfassen und zu beleuchten. Ziel war es einerseits, einen Überblick über die Qualitätsbegriffe und -kriterien der Akteure in Orchestern und an Konzerthäusern zu erhalten, der Vergleiche im internationalen Maßstab einbezieht. Zum anderen sollte eine Handreichung für Musikvermittler und Konzertpädagogen entwickelt werden, die diese in der Reflexion ihrer Arbeit unterstützt. Die Studie möchte dazu beitragen, die Qualität von Projekten der Musikvermittlung zu verbessern und die Diskussion darüber zu vertiefen.

Methode

Zunächst diente die Ermittlung eines Status quo von Susanne Keuchel als Grundstein, um die Bedingungen für konzertpädagogische Arbeit im deutschsprachigen Raum zu erfassen. Daraufhin wurden 40 Interviewpartner in Orchestern und an Konzerthäusern in Deutschland, der Schweiz, Österreich, Großbritannien, Luxemburg, Frankreich, Spanien, Portugal und den USA ausgewählt und in leitfadengestützten Interviews befragt. Im Fokus standen Fragen zum strukturellen Kontext der Ensembles bzw. Konzerthäuser, zum fachlichen Hintergrund der Musikvermittler und zu Qualitätskriterien, die ihre Arbeit prägen. Eine Expertentagung zur Mitte des Projekts reflektierte die gewonnenen Erkenntnisse und schärfte Überlegungen zur Systematisierung der Daten aus den Interviews. 5 Best-Practice-Beispiele wurden auf Basis der Ergebnisse der Befragungen ausgewählt und filmisch dokumentiert. Zuletzt flossen alle gewonnenen Daten zusammen und führten zur Erstellung der vorliegenden Studie.

Zusammenfassung der Ergebnisse

Qualität ist nichts Ruhendes oder Abgeschlossenes, sondern ein Prozess, der sich in der Diskussion und Bewertung der Akteure immer wieder neu präzisiert. Die Arbeit in der Musikvermittlung und Konzertpädagogik unterliegt strukturellen Gegebenheiten vor Ort, dem Charisma und den Erfahrungen der Konzertpädagogen und Musikvermittler, den künstlerischen Qualitäten der beteiligten Ensembles und Kulturschaffenden, der Bereitschaft der Kooperationspartner etc. Dennoch konnten wir Parameter herausfiltern, die für alle Befragten Relevanz und Einfluss auf ihre Arbeitsweise haben und sich anhand von Qualitäten in den Zielen, den Strukturen der Institutionen, den Prozessen in der Konzeption und Vermittlung und in den Produkten der Musikvermittlung beschreiben lassen.

Ziele in der Musikvermittlung beziehen sich auf die grundlegende pädagogische Arbeit, auf das Anliegen, gesellschaftliche Impulse in der Stadt oder Region zu setzen, neue Publikumsgruppen zu erschließen und ein breites Fundament für die künstlerische Arbeit der Orchester bzw. Konzerthäuser zu legen.

Aus diesen Zielen entwickeln sich Formen der Musikvermittlung wie Konzerte für Kinder oder Workshops an Schulen, Jugendzentren oder Krankenhäusern, die wiederum von drei Qualitäten bestimmt werden:

- die Strukturqualität, die über die Beschaffenheit der Zusammenarbeit am Haus, die Finanzierung, das Projektmanagement, das Audience Development, die Evaluation und Feedbackkultur sowie Partnerschaften mit Kultur- und Bildungsinstitutionen Aufschluss gibt. - die Prozessqualität, die die künstlerische und pädagogische Konzeption bestimmt und partizipative Ansätze für das Publikum und die Teilnehmer ermöglicht. - die Produktqualität, an der die künstlerische und pädagogische Durchführung gemessen wird und die darüber Aufschluss gibt, inwieweit Innovationen und Experimente gewagt wurden.

Weiters erfasst die Studie die Ausbildungswege und beruflichen Erfahrungen der Musikvermittler und Konzertpädagogen, die Charakteristika der Institutionen, in denen sie tätig sind und die Formate, die die gegenwärtige Praxis der Musikvermittlung und Konzertpädagogik in Europa bestimmen.

Empfehlungen aus der Studie

Alle Expertengespräche, Interviews und teilnehmenden Beobachtungen im Zuge der Recherchen machten deutlich, dass der Rückhalt der Leitung für die Etablierung von Musikvermittlung und Konzertpädagogik innerhalb der Institution entscheidend ist. Musikvermittler und Konzertpädagogen müssen beständig interne und externe Öffentlichkeitsarbeit für ihr Arbeitsfeld betreiben: Innerhalb und außerhalb ihrer Institution gilt es dafür zu sorgen, dass sowohl die Mitarbeiter des Orchesters oder Konzerthauses als auch eine größere Öffentlichkeit im Kulturleben über die Ziele und Projekte der Abteilung informiert sind. Wenn sie dabei tatkräftige Unterstützung aus der Direktion erhalten, verleiht dies den musikvermittlerischen Anliegen und Zielsetzungen auch nach innen und außen entsprechendes Gewicht.
Orchester und Konzerthäuser haben in den meisten Ländern Europas erkannt, dass sie als neue Partner der Kulturellen Bildung eine besondere Verantwortung dafür tragen, Menschen zu erreichen, die von sich aus keinen Konzertsaal betreten würden. In den deutschsprachigen Ländern gibt es in diesem Bereich durchaus Nachholbedarf, wenn es um partizipative Angebote für bildungsferne Schichten, Menschen mit Migrationshintergrund und Menschen mit Behinderung geht.

In der Entstehungsphase der Projekte liegt ein Schlüssel für ihre Qualität. Die gemeinsame konzeptionelle Planung auf Augenhöhe, die Lehrer, Musiker und Musikvermittler gleichermaßen mit einschließt, fördert die Belastbarkeit des Teams für die weiteren Phasen des Projekts. Hier lassen sich erste Impulse des Umdenkens weg von fertigen Angeboten hin zu gemeinsam entwickelten Projekten erkennen, die auf diese Weise nachhaltiger wirken können.
Die Auseinandersetzung mit Kunst bedeutet auch, unbekanntes Neuland zu erobern und Experimente zu wagen. Die vielfältigen Angebote der Orchester und Konzerthäuser zeichnen sich überwiegend durch bereits bewährte Formen und Herangehensweisen aus – vielleicht bietet die Studie einen Anreiz, sich punktuell auch experimentellen Ansätzen zuzuwenden, um Kinder und Jugendliche gleichermaßen für die Kraft der Kunst und ihre Brüchigkeit zu sensibilisieren.

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